Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, mich in Hongkong und China umzusehen und dort auch eine Produktionsstätte für hochwertige Damenoberbekleidung zu besichtigen. Mit meiner Freundin, die in Hongkong lebt und dort für eine deutsche Modefirma arbeitet, war ich unterwegs. Ihre Aufgabe als Qualitätsmanagerin ist, die Produktion zu überwachen und sicherzustellen, dass die Textilien nach den deutschen Anforderungen gefertigt werden. An diesem Tag waren wir zur Endkontrolle von fünf Styles für die Sommerkollektion 2009 vor Ort.
Hier meine Eindrücke des Besuches:
Nachdem wir mit der S-Bahn von Hongkong nach China gefahren sind, mussten wir dort die Grenze passieren, mit Ausweiskontrollen, Visum-Stempeln lassen und strengem Blick der Grenzbeamten. Auf einem Parkplatz war Treffpunkt mit Fahrer, Factory-Manager und Assistent und zu fünft fuhren wir zur Produktionsstätte. Ohne Fahrer wäre man völlig aufgeschmissen, selbst dieser benötigte ein Navigationssystem, allerdings natürlich in Chinesisch. Die Fahrt durch Shenzen dauerte ca. eine Stunde, eine riesige Stadt, die sich über viele Kilometer erstreckt, mit 12 Mio. Einwohnern. Für einen gewöhnlichen Europäer sind das gigantische Ausmaße, die einem den Atem rauben. Mich persönlich hat das sehr abgeschreckt, alles sieht gleich aus und ist zu immer gleichen Wohnblocks und riesigen Hochhäusern zubetoniert, quadratisch und zweckmäßig. Es kommt mir vor, als fahren wir auf einem Blatt Karopapier spazieren.
Unvorstellbar, wie dort so viele Menschen leben können. Und jeder benötigt etwas zu Essen, Wasser, ein Dach über dem Kopf, ein Handy, einen Fernseher….da frage ich mich, wo das alles hergestellt wird und denke an die Ressourcen dieser Welt.
Irgendwann erreichen wir die Fabrik, ein gesichtsloses lang gezogenes graues Gebäude - es herrscht Hinterhofatmosphäre, denn alles wirkt etwas verwahrlost und lieblos.
Als ich den Nähsaal betrete, schauen mich ca. 70 junge Chinesen und Chinesinnen verstohlen und neugierig an, eine 1,80m große Europäerin bekommen sie nicht alle Tage zu Gesicht. Die Chinesen sitzen an Nähmaschinen und jeder näht ein anderes Teil, aber alle haben den gleichen Stoff in den Fingern.
Im Nebenraum wird gebügelt, diese Tätigkeit wird nur von Männern ausgeführt, da die Bügeleisen schwer sind und die Kleidungsstücke oft hängend gebügelt werden. Da Männer meist größer sind als Frauen, ist das in der Produktion deren Domäne. Das Finishing, also Fäden abschneiden und verwahren machen nur Frauen. Außerdem gibt es noch das Packaging, wo die einzelnen Teile in Plastikhüllen verpackt und damit versandfertig gemacht werden.
In einem weiteren Raum wird der Stoff zugeschnitten und die Schnitteile markiert und nummeriert.
Zwei Chinesen legen lange Vlies-Bahnen händisch aufeinander.
Im Flur sitzen zwei Frauen und verpacken Ersatzknöpfe in kleine Tütchen, die mit dem Kleidungsstück mitgeliefert werden.
Zwar ist die Arbeitsumgebung sehr zweckmäßig und nicht besonders ansprechend (für mein ästhetisches Verständnis) aber bei Dingen, die das Leben effizienter und leichter machen, sind die Chinesen sofort dabei. So gibt es am Eingang einen elektronischen ID-Kartenleser und jeder Arbeiter hat eine Karte umhängen. Pünktlich um 12 Uhr mittags stehen alle auf, checken aus und gehen in ihre Unterkünfte hinter dem Fabrikgebäude, um Mittagspause zu machen.
Während der Mittagspause frage ich den Factory-Manager, ob ich in der Fabrik fotografieren darf. Er willigt ein und freut sich, dass ich neugierig bin und Interesse habe. Eine Frau führt mich später durch die ganze Produktion, zeigt mir, wie Knöpfe angenäht und Säume erstellt werden oder wo Ölflecken von den Nähmaschinen aus dem Textil ausgereinigt werden. Sehr interessant, wie das alles gefertigt wird. Ich darf überall genau hinschauen und die Dame hat Spaß an meinen Fragen und meinem Staunen.
Generell empfinde ich die Arbeitsatmosphäre als konzentriert und geschäftig, aber angenehm: es wird geredet und gekichert und da Männer und Frauen nebeneinander und miteinander arbeiten, gibt es immer wieder Gelegenheiten, dem Nachbarn Witze zu erzählen und mit ihm zu scherzen. Im Hintergrund läuft ein Radio, manche hören ihre eigene Musik per MP3-Player und Kopfhörer.
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen leiden oder unterdrückt sind, sie sind in diesem System in dieser Umgebung geboren und kennen schlichtweg nichts anderes. Die Leute sind wahrscheinlich froh, überhaupt eine Arbeit zu haben und sie wollen arbeiten. Leben ist Arbeiten, nur wer Geld verdient, kann seinen Lebensstandard halten oder erhöhen.
Die Aufgabe meiner Freundin als Qualitätsmanagerin ist, 5 Kollektionsteile zu überprüfen. Mit Maßband und Datenblatt ausgestattet vermisst sie Blazer, Kleider, Röcke und Hosen aus und überprüft, ob die vorgegebenen Maße eingehalten wurden. Da Chinesen sich eine europäische Damengröße 46 nur schwerlich vorstellen können, gibt es bei den großen Größen immer wieder Grund, genau nachzumessen und alles zu überprüfen, damit es später keine Reklamationen beim Verkauf gibt.
Außerdem wird geschaut, ob der richtige Stoff verwendet, der vorgegebene Schnitt eingehalten wurde und alle Verzierungen, Knöpfe, Labels, Etiketten etc. ordnungsgemäß am Kleidungsstück angebracht worden sind. Auf das gesamte Erscheinungsbild des Kleidungsstückes wird Wert gelegt. Da dieses später einer gehobenen Käuferschicht angeboten wird, darf kein Fehler am Textil sein.
Da die Arbeiter für jedes zu fertigende Kleidungsstück einen neuen Schnitt erstellen und damit das Rad jedes Mal neu erfinden, gibt es auch jede Saison die gleichen Probleme bei Schnitten und Passform. Es wird ohne IT gearbeitet und alles von Hand erstellt. Die Menge der Schnitte wird interessanterweise nicht archiviert und aufbewahrt. Es gibt also in der Fabrik keine Lernkurve und aus den Erfahrungen der letzten Jahre werden keine Erkenntnisse in zukünftigen Produktionen eingebracht. Ein Vorgehen, welches jedem Europäer die Haare zu Berge stehen lässt. Und was den Besuch eines europäischen „Inspectors“, also Qualitätsmanagers jedes Mal erforderlich macht.
Insgesamt hat mir der Besuch den Horizont doch sehr erweitert und ich verstehe nun, wie die Chinesen arbeiten. Für zukünftige Eigenproduktionen ist es also erforderlich, immer mal wieder vor Ort zu sein und nach dem Rechten zu schauen.